Spuren im Schnee

Weisse Flocken fallen.

Die Substanz ist kalt und nass.

Ich blicke in den Himmel, und tausende kleine Himmelsküsschen berühren meine Wange.

Sanft streiche ich darüber und lade die Flocken ein, auf meiner Hand zu landen.

Die Landschaft, verwunschen und vom Schnee verdeckt, wirkt wunderschön.

In dieser tristen Jahreszeit schenkt der Schnee Licht.

Ich betrachte die Spuren im Schnee und halte inne.

Mein Herz wird schwer.

Für mich sind es Schneeflocken, für jemand anderen fallen zur selben Zeit ebenfalls weisse Flocken, doch beim sanften Berühren schmelzen sie nicht.

Es ist nicht das gefrorene Wasser, das ich kenne, sondern das Zurückbleiben von Meinungsverschiedenheiten, Machtkämpfen und Zerstörung.

Ich bin dankbar, dass ich Schnee erleben darf und nicht Flocken der Zerstörung.

Ich schreite weiter den Spuren nach und gelange zu einem Waldstück.

Pralles, wunderschönes Moos ziert den Waldboden.

Eichhörnchen klettern flink den Baum hinauf.

Die Sonne bricht durch eine kleine Lichtung und schenkt ein Gefühl von Wärme und Hoffnung.

Dieses Waldstück war voller Leben, Pflanzen, Bäume, Pilze, Myzel, Nahrung.

Nun ist alles verändert:

Holz und Äste liegen herum, Spuren von schweren Raupenfahrzeugen schneiden tief in den Boden.

Nichts ist mehr, wie es war.

Ich frage mich, warum wir der Natur nicht einfach auch Raum geben.

Ich pflege zu sagen, dass die Natur stärker ist als wir Menschen.

Vielleicht genau deshalb wollen wir sie kontrollieren.

Wir wollen Sicherheit und Ressourcen und nehmen dabei keine Rücksicht auf Verlust.

Meine Spazierbegleitung empfindet Wut und ist sehr aufgebracht.

Ich hingegen fühle Demut und eine leichte Traurigkeit.

Denn mir ist bewusst:

Egal, was wir tun, die Natur findet ihren eigenen Weg.

Sie besitzt die Fähigkeit, sich zu regenerieren.

Und auch wir können uns, zumindest ein Stück weit, regenerieren.

Vielleicht nicht unbedingt unsere menschliche Hülle, doch unser Herz und unsere Seele.

Aber auch das braucht Zeit.

Ich freue mich schon jetzt darauf, wieder hier vorbeizukommen und zu sehen, wie aus den Trümmern neues Leben entsteht.

Also schaue ich noch einmal demütig zurück und entscheide mich dann bewusst, weiterzugehen und das Geschehene für einen Moment hinter mir zu lassen.

Mein Blick hebt sich erneut.

Ich bestaune die Baumkronen, mit Schnee bedeckt wirken sie wie aus einem Märchen.

Auf meinem Weg begegne ich einigen Menschen.

Manche stille Genießer wie ich, andere eifrig Gesprächende, und wieder andere widmen ihre Aufmerksamkeit dem Training ihres treuen Begleiters.

Trotz der Idylle um mich herum wurde es mir zu laut, und so entschloss ich mich, auf meinen müden Füssen nach Hause zurückzukehren.

Diesmal jedoch wollte ich nicht den Pfaden und Spuren meiner Vorreiter folgen.

Vor lauter Eindrücken konnte ich die Spuren, die ich selbst im Leben hinterlasse, kaum noch sehen.

Also wählte ich einen unberührten Weg.

Nach nicht allzu langem Fortschreiten stiess ich auf andere Spuren im Schnee viel kleiner und zarter als meine.

Wild, chaotisch, mit Abzweigungen.

Ein Huftier hatte sie hinterlassen.

Ich freute mich über diese Begegnung, auch ohne das anmutige Geschöpf zu sehen.

Ich wusste dennoch: Den Heimweg würde ich nicht allein antreten.

Seine Spuren würden mich ein Stück begleiten.

Traces in the Snow

White flakes are falling.

The substance is cold and wet.

I look up at the sky and thousands of little “kisses from above” touch my cheek.

Gently I brush over my skin and invite the snowflakes to land on my hand.

The landscape, enchanted and hidden beneath the snow, looks beautiful. In such a dull season, the snow brings light.

I pause to study the traces in the snow.

My heart grows heavy.

To me, these are snowflakes — yet for someone else, at this very same moment, white flakes are also falling, but they do not melt when they touch the skin.

They are not frozen water, but remnants of disagreement, power struggles and destruction.

I feel grateful that what is falling on me is snow, not flakes of devastation.

Following the tracks, I reach a forest. Lush, vibrant moss covers the ground.

Squirrels dart up the trees.

Sunlight breaks through a small clearing, offering a sense of warmth and hope.

This forest used to be full of life — plants, trees, mushrooms, mycelium, food.

Now everything is altered: wood and branches scattered, deep tracks carved by heavy machinery.

Nothing is as it once was.

I wonder why we cannot simply give nature some space.

I often say that nature is stronger than any human — and perhaps that is why we try so hard to control it.

We seek security and resources and grant no regard for what is lost.

My walking companion feels anger, loud and restless.

I, however, feel humility and a gentle sadness.

Because I know that no matter what we do, nature finds its own way.

It holds the ability to regenerate.

And we too can regenerate — not necessarily our physical shells, but our hearts and souls.

Yet that too takes time.

I am already looking forward to returning one day, to witness life emerging again from the wreckage.

I take one last humble look before I continue, choosing to leave what has happened behind for a moment.

My gaze lifts once more.

The treetops, covered in snow, look like something from a fairy tale.

Along the way I encounter others: quiet observers like me, lively chatterers, and people training their loyal companions.

Despite the idyllic surroundings, it becomes too loud for me, and I decide to return home on tired feet.

But this time I do not wish to follow the paths and footprints of those before me.

Amidst all these impressions, I had lost sight of the traces I leave behind in my own life.

So I choose an untouched route.

Before long, I discover other tracks in the snow — much smaller, more delicate than mine.

Wild, chaotic, branching in many directions.

The traces of a hoofed animal.

This meeting fills me with joy, even without seeing the graceful creature itself.

I know now that I will not walk home alone — its traces will accompany me for a while.

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Wenn tiefe trägt