Wenn tiefe trägt

Die mächtigen Felswände, die unberührte weisse Schneedecke und ein feiner Nebel über dem Panorama liessen mich kurz innehalten.

Die Autofahrt verlief ruhig;

wir fuhren sicher, als wären wir in guten Händen.

Auch die Gondel trug uns leise weiter.

Der Fussmarsch durch die verschneite Landschaft war anstrengend und zugleich schön.

Obwohl viel im Nebel lag und die Aussicht verborgen blieb, zeigte sich die Natur in ihrer winterlichen Kraft: still, mächtig, unberührt.

Ich war dankbar, begleitet zu sein.

Zwei Männer, die mir mit Ruhe und Selbstverständlichkeit eine Welt öffneten, die ich allein vielleicht nicht betreten hätte.

Am See markierte ein schmaler Streifen Schmelzwasser die Grenze zwischen vertrauter Erde und Eis.

Ohne ihn hätte man kaum bemerkt, wann man eine andere Welt betrat.

In mir regte sich eine Erinnerung aus der Kindheit, leise und längst verschüttet.

Sie erklärte, warum mir Eis nicht geheuer war.

Ich wurde zum Eisfischen eingeladen.

Und wenn ich ehrlich bin, bin ich, was Kälte und Nässe angeht, eine kleine Diva.

Doch es war nicht das Wetter, das mich beschäftigte.

Die Lawinensituation war stabil.

Was in mir Unruhe auslöste, war das Eis, ein gläserner Boden über der Tiefe.

Ich fragte mich, weshalb ich das tue.

Zunächst dachte ich, es sei aus Liebe zu meinem Mann.

Doch dann wurde mir klar, dass ich es für mich tue.

Nicht, um die Angst vor tiefem Wasser zu verlieren, sondern um ihrer gefrorenen Form zu begegnen.

Also setzte ich den Fuss aufs Eis und begann zu vertrauen.

Die Männer vor mir schritten weiter, als sei es das Natürlichste der Welt. Niemand schien Angst zu haben.

Nur in mir breitete sich Panik aus, nahm mir kurz den Atem und liess meinen Körper zittern.

Doch jeder Schritt nahm mir ein kleines Stück davon.

Das Eis trug mich, Schritt für Schritt, ein wenig weiter.

Am Angelplatz wurde es stiller in mir.

Wir bohrten Löcher ins Eis und warteten.

Die Zeit schien langsamer zu werden.

Ich wurde reich belohnt: Namaycush und Saiblinge, die ich selbst gefangen hatte.

Ich begann zu verstehen, warum Jagen für manche Freude bedeutet.

Es liegt eine besondere Kraft darin, Nahrung aus der Natur zu empfangen.

Nicht im Überfluss, sondern im Bewusstsein, dass sie ein Geschenk ist.

Und doch weiss ich, dass ich kein Mensch bin, der aus Vergnügen tötet, weder Tier noch Mensch.

Wenn ich jemals töten müsste, dann aus Hunger und Not.

Deshalb wird das Jagen nie ein Hobby für mich sein.

Doch dieser Tag war eine schöne Erfahrung, mit zwei guten Menschen, inmitten grosser Natur.

Manchmal knarrte das Eis.

Feine Risse zogen sich unter uns entlang.

Jedes Mal wurde es still, und wir lauschten.

Einmal war es wirklich angsteinflössend.

Doch niemand kam zu Schaden.

Das Eis nahm die Last auf sich, uns zu tragen.

Auf dem Rückweg löste sich die Angst, die mich zu Beginn begleitet hatte, langsam auf.

Nicht, weil sie verschwunden wäre, sondern weil sie gesehen wurde.

Vielleicht ist Mut nicht das Fehlen von Angst, sondern das sanfte Weitergehen trotz ihr.

Die Natur zeigte sich an diesem Tag mächtig und verletzlich zugleich; tragend und reissend, verlässlich und ungewiss.

Und vielleicht sind wir Menschen gar nicht so anders.

Auch wir tragen Lasten, halten aus, geben nach.

Und manchmal brechen wir ein wenig, um später wieder zuzufrieren.

Ich war dankbar, diesen Tag erlebt zu haben.

Nicht, weil er leicht war, sondern weil er leise etwas in mir verschoben hat.

Über das Eis zu gehen bedeutete für mich, meiner eigenen Tiefe näherzukommen und ihr ein kleines Stück Vertrauen zu schenken.

Zurück
Zurück

Spuren im Schnee

Weiter
Weiter

Warum ich mich nicht härter machen will