Der Junge aus Hamburg

Über Würde, die man nicht besitzen muss

Ich wartete auf eine Freundin und trank ein Bier in einem Restaurant, als ich ihn bemerkte.

Einen jungen Mann, kaum zwanzig Jahre alt, der hastig die übrig gebliebenen Pommes von den Tellern nahm, nachdem die Gäste aufgestanden waren.

Das Restaurantpersonal sah es und war sichtlich nicht einverstanden.

Für einen Moment war ich sprachlos.

Nicht wegen des Jungen sondern wegen uns.

Das Essen wäre ohnehin im Müll gelandet.

Doch offenbar war es wichtiger, zahlende Gäste nicht zu irritieren, als einem Mitmenschen zu erlauben, ein Grundbedürfnis zu stillen.

Ich fragte mich, wann wir begonnen haben, Regeln höher zu gewichten als Menschlichkeit.

Wäre es nicht möglich gewesen, kurz mit ihm zu sprechen?

Ihm das Essen einzupacken, ihm einen Platz zu geben?

Stattdessen blieb ein stilles Wegsehen.

Ich entschied mich, einen anderen Weg zu gehen.

Ich hob Geld ab, lud ihn zu einer Portion Pommes und einem Bier ein und hörte ihm zu.

Seine Geschichte war keine Ausnahme.

Sie war geprägt von Ablehnung, von frühen Abschieden, von Angst von all den Dingen, die ein Mensch nicht alleine tragen sollte.

Sein Leben war schon früh von Umständen bestimmt worden, auf die er keinen Einfluss hatte.

Aufgewachsen auf der Straße, ohne verlässlichen Zugang zu sauberer Kleidung, zu einer Dusche, zu Kommunikation.

Dinge, die für viele selbstverständlich sind, waren für ihn kaum erreichbar.

Und ohne sie wird selbst der Wunsch nach Arbeit zu einer kaum überwindbaren Hürde.

Er war einer von vielen. Und jeder von ihnen trägt eine eigene Geschichte in sich.

Eigene Gründe.

Eigene Hoffnungen.

Eigene Wünsche. Nicht weniger als wir alle.

Ich habe auf meinem Lebensweg immer wieder erleben dürfen, wie wundervoll Menschen sein können gerade in ihren schwierigsten Momenten.

Manche von ihnen besitzen nichts und geben doch so viel.

Humor. Großzügigkeit.

Leichtigkeit, trotz allem.

Viele meiner Begegnungen haben mir gezeigt:

Nicht einer dieser Menschen wünschte einem anderen etwas Böses.

Nicht einmal dann, wenn es um einen warmen Schlafplatz ging.

Man gönnte ihn dem anderen auch wenn man ihn selbst gebraucht hätte.

Vielleicht sind es genau diese Menschen, die uns daran erinnern, was Menschsein wirklich bedeutet.

Nicht Besitz.

Nicht Status.

Sondern Würde.

Mitgefühl.

Und die Fähigkeit, einander nicht aus den Augen zu verlieren.

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